Ich bin eine Behandlungsliege. Stabil, höhenverstellbar, mit Kunstleder bezogen – und das Herzstück von Stefan Müllers Praxis. Manche sagen, ich sei nur ein Möbelstück. Aber glaubt mir: Ich bekomme mehr Geschichten, Seufzer und Muskelkater mit als jedes Wartezimmerplakat.
Morgens, kurz vor 10, kommt Stefan rein – immer mit diesem entschlossenen Blick und einer Tasse Kaffee in der Hand. Bevor es losgeht, wischt er mich sorgfältig ab. Ich nenne das meinen „Frühjahrsputz in Dauerschleife“. Dann geht’s los: Tür auf, Schuhe aus, Rucksack ab – der erste Patient liegt.
Ich kenne sie alle: den gestressten Bürohelden mit dem Nacken wie Beton, die Sportlerin, die „nur kurz dehnen“ wollte und jetzt flucht, und den älteren Herrn, der jedes Mal erzählt, wie er früher Marathon gelaufen ist. Auf mir wird gestöhnt, gelacht, geatmet und manchmal auch geschimpft – meist über Dehnübungen.
Stefan bleibt dabei erstaunlich gelassen. Während er drückt, zieht und schiebt, erklärt er mit einer Engelsgeduld, warum Schmerz „eigentlich was Gutes“ sei. Ich habe da meine Zweifel – aber ich halte still. Schließlich ist das mein Job: Ruhe bewahren, auch wenn jemand mit den Ellenbogen in die Polster knetet.
Ab und zu, wenn der Raum leer ist, gönne ich mir ein bisschen Nachdenken. Ich trage die Spuren des Tages – ein Tropfen Massageöl hier, ein Abdruck da – kleine Beweise, dass hier gearbeitet wird. Und wenn Stefan schließlich das Licht löscht, weiß ich: Morgen geht’s weiter. Neue Rücken, neue Geschichten, neue Grimassen.
Ich bin keine Heldin, aber ohne mich würde hier keiner bequem liegen. Und Stefan? Der macht seinen Job gut – manchmal zu gut, wenn man die Schmerzensschreie beurteilt. Wir sind eben ein eingespieltes Duo: Er sorgt für Bewegung, ich für Halt.
Und so liege ich da, Tag für Tag. Geduldig, gelassen, ein bisschen stolz – und immer bereit für die nächste Runde physiotherapeutischen Turnunterrichts.